Auf Ostseetörn mit „Lille Bjørn“

Klar zum Auslaufen im Museumshafen RostockIrgendwann muß man einfach losschmeißen, wenn man fahren will. Den „blauen Peter“ setzte ich am 12. Mai 2003, um dem Rostocker Museumshafen zu zeigen: jetzt ist es uns ernst!

Den ganzen Sommer lang wollten wir – Thorsten, ich (Kora) und Gaffelkutter „Lille Bjørn“ – unterwegs sein. Nach 9 Monaten Vorarbeit: neu geballastet, einen Teil von Rumpf und Deck erneuert, Einrichtung gebaut und die üblichen tausend Kleinigkeiten…

Der erste Weg führte doch noch zur Werft, um das Unterwasserschiff nach dem Eiswinter zu überprüfen, ein paar Seeventile zu verlegen, und den Rumpf nochmal zu malen.

Ende Mai ging’s dann richtig los Richtung Norden, aber nicht geradeaus – Reiseziel waren Åland und die finnische Küste, die Route aber sollte der Wind mitbestimmen.

In der Abendsonne auf ChristiansøBornholm und die Erbseninseln waren erste Zwischenetappe, wo wir den Spaziergang in der Abendsonne zwischen Festungsruinen und blühenden Gärten genossen. Wegen Starkwind blieben wir einen Tag länger auf Christiansø – inklusive mehrmaligem Verholen wegen der Ausflugsschiffe.

Erwandert werden wollte auch die schwedische Insel Hanö mit Leuchtturm, Klippen und Wäldern – deren Umfang wir allerdings ordentlich unterschätzten! Fast dunkel war es, als wir von einem abenteuerlichen Rundweg über Stock und Stein wiederkamen.

In den Schären bei Karlskrona testeten wir dann Ankergeschirr und „Landförtöjning“ an Felsen zum ersten Mal. Auch unser Beiboot „Lille Odder“ begann seinen Dienst.

Vor Anker in den Schären bei KarlskronaAb hier war’s auch für mich neues Revier. Öland statteten wir einen „stürmischen“ Besuch ab, in Kalmar wurde noch ein Draggen als „Kaffeeanker“ gekauft, und im idyllischen Figeholm öffnete man das urige Hafenmagazin (heute Museum) – extra für die Lille Bjørn-Crew – noch vor Saisonbeginn.

Binnenschärs ging’s weiter im betonnten Fahrwasser. Manchmal ganz schön eng! Und immer was zu sehen. Mit Wind von achtern ließ sich das sogar ganz gut besegeln.

Das unbeständige Frühjahrswetter führte zu manch einer spontanen Regenschauer-Kaffeerast irgendwo geschützt neben dem Fahrweg, aber nicht immer hatten wir das richtige Timing: da konnten wir einmal das aus Faulheit mitgeschleppte Beiboot, das beim jähen „Endspurt mit Motor“ von achtern vollschlug, nur durch das Manöver eines Vollkreises mitten im Fahrwasser retten und wieder an Bord kriegen. Und die Schauerfront erwischte uns denn auch eine Meile vor dem Ankerplatz!

Rökt fisk idag?Abendstimmung in den Schären

Wißt Ihr, wie sie in Tasmanien ankern? Tja, da lagen wir eines Abends vor Buganker und Land-Achterleinen in Lee eines kleinen Inselchens, als sich eine kanadische Yacht vorsichtig näherte. Der Skipper machte sein Boot neben uns auf gleiche Weise fest, und erklärte, er hätte leider keine genaue Seekarte, wäre heute schon mehrmals auf Grund gelaufen. Ein Langfahrtsegler mit nicht so viel auf der Naht also. Später erzählte er beim Bier, daß er in Tasmanien zum letzten Mal Schiffe auf diese Weise hatte ankern sehen. Vielleicht hat man dort häufiger Klüverbäume vorne dran?

Sommeridyll bei Dalarö in den Schären vor Stockholm

So langsam näherten wir uns Stockholm, über das romantische Dalarö und durch den Ingaröfjärd. Der Bootsverkehr wurde auch dichter. Das Hafenrevier von Schwedens Hauptstadt ist ganz schön stressig zu besegeln! All die schnellen Ausflugsdampfer und Fähren machen einen Höllenschwell von allen Seiten. Kein Genuss, wenn man eigentlich nach einem ruhigen Platz zum Festmachen sucht!

Hafentag in Stockholm

Aber Stockholm hat historisch interessierten Schiffsleuten viel zu bieten: das Vasamuseum natürlich und Beckholmen mit Werft-Geschichte, Frachtseglern und Teerduft, das Seehistorische Museum, aber auch die neue Stockholmsbrigg, die gerade auf Skeppsholmen quasi neben der Strasse gebaut wird.

Die Werftanlagen von BeckholmemNeubau der Stockholmsbrigg nach historischen Vorbildern

Weiter ging’s, vorbei an Vaxholm, und nach einem Tag anstampfen gegen den nordöstlichen Wind bis Furusund, raus auf die Ålandsee und wieder unter Segel.

Nun galt es, sich an die seltsamen finnischen Seekarten in grün und gelb zu gewöhnen – das gelang, und wir fanden ohne weitere Vorkommnisse das gut markierte Fahrwasser nach Mariehamns Osthafen und dem Seequartier. Traditionelle Schiffe und Boote dürfen hier gratis liegen, und so nutzten wir die Gastfreundschaft ein paar Tage und widmeten uns auch mal wieder der Schiffspflege.

Das Seequartier im Osthafen von MariehamnDer legendäre Flying-P-Liner Pommern

Klar, dass wir auch die Viermastbark „Pommern“ besuchten, die dieses Jahr ihren 100sten Geburtstag feierte! Die alte Lady ist noch weitgehend im Originalzustand erhalten und verfügt über einen vollständigen Satz von Segeln, der von Hand von begeisterten alten Seefahrern genäht wurde. Im benachbarten Seefahrtmuseum wird die Erinnerung an die grosse Segelschiffszeit Ålands lebendig gehalten.

Felsformation auf der Insel SottungaFaszinierende Vegetation auf den Schäreninseln

Dann nahmen wir uns den Schärengarten zwischen Åland und Turku vor: über 6000 kleine und kleinste Inselchen mit den unterschiedlichsten Landschaften und Felsformationen! Da kann die Reise nie langweilig werden: mit den Ausblicken wechseln auch die Winde ständig, das gibt reichlich Beschäftigung mit Segeltrimm und Manövern…

Am Aurafluss in TurkuFinnlands ehemalige Hauptstadt Turku wurde unser nächstes Reiseziel. Hier liegen Europas älteste hölzerne Bark „Sigyn“ und die „Suomen Joutsen“, der Schwan von Finnland. Beide gehören zum sehenswerten maritimen Zentrum Forum Marinum im Gangabstand zur Innenstadt.

In der Stadt gibt es u.a. die stimmungsvolle Markthalle aus dem 19. Jahrhundert mit ihren anregenden Düften zu erkunden. In Erinnerung blieb uns auch ein mittelalterliches Spektakel am Aurafluss mit Markt und lebhaft gespielten Szenen aus dem Leben von anno dazumal. Und den Sommerabend kann man z.B. bei Bier und Jazzmusik auf der Terasse im Pavillon Vaakahuone geniessen.

Auf der Weiterfahrt passierte es dann: Lille Bjørns Technik, genauer das Getriebe, streikte, gerade als wir nach einem langen Segeltag nach dem abendlichen Ankerplatz suchten – weitab von jedem Hafen. OK, also wieder hoch mit Fock und Gross, dann sollen wir wohl zurück nach Mariehamn. Da hatten wir einen tüchtigen und hilfsbereiten Maschinisten kennengelernt. Ausserdem war der Wind für den Kurs achterlich.

Das blieb er genau bis zum Nadelöhr südlich Houtskär, wo wir das Hauptfahrwasser passieren mußten. Also doch noch kreuzen, und das bei Schwachwind! Wir schwitzten, kämpften und feuerten unseren kleinen Bären an. Kamen Stück für Stück durch die Enge. Aber bei der letzten Wende wollte Lille Bjørn nicht mehr durch den Wind. Kein Platz für einen zweiten Anlauf. Bei einem halben Meter Wasser unterm Kiel und einer großen Fähre im Anmarsch blieb uns nichts übrig, als neben dem Fahrwasser den Haken zu schmeißen.

Der finnische Seenotrettungsdienst nimmt uns in Schlepp zurück nach TurkuEin Anruf auf Kanal 16 wurde zwar nicht von der Fähre, sondern von Turku Rescue beantwortet. Nun ging alles seinen Gang, allerdings nicht so, wie wir uns das gedacht hatten. Im Schlepp ging’s nämlich zurück nach Turku – 6 Stunden! – da dort die nächstgelegene Werft war.

Und dann mussten wir hautnah die Bedeutung der Sommerferien im Norden erfahren: von Juli bis in den August hinein hat quasi das ganze Land Betriebsurlaub! Da lagen wir also an der Brücke der Werft – aber deren Besetzung bestand hauptsätzlich aus einem wirklich netten und hilfsbereiten Rentner, der leidenschaftlich gerne klönte (er war auch der einzige in der Umgebung, der etwas Englisch sprach), aber leider auch schon vormittags seinen festen Termin im Pub hatte…

Auf der Werft in HirvensaloDie wärmsten Tage des Jahres verbrachten wir also schwitzend und schraubend, an den Motor gekuschelt und auf Reserveteile wartend. Aber lehrreich war das schon – nun kennen wir alle Zahnräder, Packungen und Bolzen von Lille Bjørns Kupplung und Getriebe mit Vornamen!

Inzwischen war die Zeit für Ålands Seetage gekommen, auf unserem Plan ein Muss (und eine Abwechslung von Staub und Öl der Werft). Während unser Schiff liegenblieb, nahmen wir eine Fähre nach Mariehamn.

Die Seetage sind eins der großen Ereignisse des Jahres auf Åland, mit viel Programm rund um Holzboote, Handwerk und seemännische Traditionen – daneben aber auch Livemusik wie z.B. kubanische Salsa mit Einführung in den entsprechenden Tanz!

Reepschläger bei der ArbeitSeemannstänze

Sogar eine alte Bekannte aus Deutschland war zu Besuch hier – nämlich der Schoner „Zuversicht“, den wir 2001 mit restauriert und dann eingesegelt hatten. Man war auf dem Weg nach Turku, zum Tall Ships Race. Und erst, als die ersten Teilnehmer dieser Regatta eintrafen, hatten wir unser Schiff wieder klar und konnten endlich ablegen. Diesmal mit Rauma an der finnischen Westküste als Ziel.

Tall Ships Race in TurkuDie historische Altsstadt von Rauma

Auf der Leuchtturminsel KylmäpihlajaDort lockte eine Altstadt, die zum Weltkulturerbe erhoben worden ist. Ein ganzes Viertel besteht noch aus herrlichen, z.T. reich verzierten Holzhäusern aus dem 17. – 19. Jahrhundert. Ein lebendes Denkmal, wo man auch heute noch lebt und arbeitet! Hier trifft man neben Wohnhäusern viele kleine Werkstätten und Geschäfte von Handwerkern und Künstlern.

Ansonsten ist Rauma eine moderne Hafenstadt mit Werften und Güterumschlag, gelegen in reizvoller Umgebung.

Nahebei liegt die winzige Leuchtturminsel Kylmäpihlaja, wo man wunderbare Stimmungen von Sonne, Fels und Wasser einfangen kann. Dort lauerten wir nach Tagen heftigen Nordwindes auf ein Umschlagen zu unseren Gunsten.

Da das aber nicht geschah, beschlossen wir, in den Schärengarten zurückzukehren. Plan B war die Umrundung von Ålands „Festland“, wo es noch viel zu entdecken gab.

Am Strand des Bottnischen MeerbusensFreilichtmuseum Jan-Karls-Gården auf Åland

Vor Anker in Djupvik an der Nordküste ÅlandsIm Norden Ålands jedoch bietet die Natur selbst die grössten Highlights: steile Klippen, enge Fjorde, eine recht bergige Landschaft fanden wir entlang Saltviks und Getas Küsten. Kaum ein Hafen – daher muss man schon mal einige Kilometer wandern, wenn der Proviant aufgefüllt werden soll. Beeren allerdings gibt es im August überall in Hülle und Fülle!

So war die offizielle Saison auf Åland schon zuende, als wir den westlichsten Teil, Eckerö, erreichten. Der sonst vielbesuchte Hafen – nur 16 Seemeilen von Schweden entfernt – war gänzlich leer.

Seit dem 17. Jahrhundert war man von hier aus mit Post über die Ålandsee gerudert – und das bei jedem Wetter! Erst in den 20er Jahren fand diese Form der Postbeförderung ihr Ende.

Inzwischen trugen wir uns mit dem Gedanken, länger hierzubleiben. Dank der guten Arbeitsmöglichkeiten im Seequartier wollten wir die Zeit nutzen, das Rigg zu überholen und die Toppstenge zu erneuern. Also wurde, um dem nordischen Winter zu begegnen, ein kleiner Holzofen und ein paar Radiatoren angeschafft, sowie ein Zelt zum Schutz des Decks gegen Wind und Schnee übers ganze Schiff gebaut. Die Arbeit fürs Schiff und ein Sprachkurs in Schwedisch lassen die Tage wie im Flug vergehen. Und abends wird es in der Kajüte bei prasselndem Feuer im Öfchen richtig gemütlich.

Eröffnung der Zeltsaison im SeequartierWinterliche Ruhe am Ende eines abentuerlichen Segelsommers

Danke Lille Bjørn, für die Abenteuer dieses Sommers! Wie es weitergeht, wird sich finden…

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